Regisseur Pawel Siczek entdeckte nach fast 100 Jahren einen verschollenen Schatz: 10’000 zurückgelassene Glasnegative des Fotografen Chaim Bermann. Anfang des 20. Jahrhunderts hatte Bermann wie schon sein Vater im polnischen Kozienice als Dorffotograf gearbeitet und die polnischen, russischen und deutschen Bewohner portraitiert: Juden wie Christen, Soldaten, Bauern, Liebespaare und kleine Kinder. Er glaubte an die friedliche Koexistenz der Kulturen, auch als sich in den 1930er Jahren das politische Klima gegen ihn und seine Familie richtete. Bis zuletzt weigerte er sich, aus Kozienice zu fliehen.Mithilfe der teils zerbrochenen Fotonegative rekonstruiert Pawel Siczek das Leben Chaim Bermanns. Frühere Nachbarn kommen in Interviews zu Wort, blättern in Fotoalben und erinnern sich an ihr Leben in Kozienice. Die Geschichte der jüdischen Deportation, des Lebens im Untergrund, der Massenflucht und schliesslich der Auslöschung der «Hälfte der Stadt» erzählt Siczek leise und persönlich. Immer wieder blitzen die Grausamkeiten des Holocaust in animierten Rückblenden auf. Doch der Dokumentarfilm zeigt in handgemalten, fast bilderbuchartig anmutenden Animationssequenzen auch ganz alltägliche Szenen, die fröhliche und hoffnungsvolle Momente einfangen. Geschickt montiert Siczek die schrittweise Aufklärung von Bermanns Schicksal mit aktuellen Szenen, in denen er ein junges Fotografenpaar auf der Suche nach Bermanns Spuren in Kozienice begleitet. «Die Hälfte der Stadt» wurde im Museum der polnischen Juden in Warschau uraufgeführt und unter anderem am Dok.Fest München gezeigt. Der für den FFF-Förderpreis Dokumentarfilm nominierte Film feiert am Fantoche seine Schweizer Premiere. (so)
- Regie Pawel Siczek
- LandDE
- Produktionsjahr2015
- Laufzeit1 Stunde 28 Minuten
- Sprache (Untertitel)Deutsch (Englisch)
- Altersfreigabe12+
